15.02.2017 um 22:30

Der Soundtrack zur Traumwelt

Ein Abend mit ergreifendem Dreampop am Donnerstag 23. Februar in Kloten: Daniela Hallauer, die sich nach dem lateinischen Namen der Linde Tilia nennt, liebt sanfte und sphärische Sounds, mit denen sie aktuelle Themen rüberzubringen weiss. Eigen und i






Eine «Mondliechtnacht». Das grosse, ­weisse Auge unseres Trabanten starrt vom Himmel herunter und fixiert die Welt, die den Atem anhält. Selbst der Metropolenverkehr scheint sich nur noch im Zeitlupentempo zu bewegen. Aparte Gitarrenakkorde ­wabern und wallen um Leute, die wie hypnotisiert ihr Gesicht im lunaren Licht ­baden, während Mondstrahlen durch ­Gebüsche und Bäume fingern. Bilder, wie sie ­einem – ohne Kenntnis des Textes – bei Tilias «Mondliechtnacht» durch den Kopf fluten mögen, hervorgerufen durch schwebende Sounds, die alle möglichen Spielarten von Imagination evozieren.

So ist Tilias Musik, mit der sie Songinhalte portiert, welche sie beschäftigen. Themen, die andere Musiker ebenfalls umtreiben, wenn auch zu völlig andersartigen Grooves. Tilias Musik jedoch ist, wie sie das selbst umschreibt, sanft, sphärisch, nachdenklich, melancholisch. Was ihrem Temperament und Naturell entspricht.

Die dreissigjährige Daniela Hallauer, wie sie eigentlich heisst, wuchs in Erlinsbach bei Aarau auf, besuchte da die Schule und studierte Soziologie, Geschichte und Kulturanalyse. Sie arbeitete bald einmal ­redaktionell für Fernsehen und Radio und ist heute in einer Kommunikationsagentur tätig. Schon früh machte sich bei ihr ein grosses Interesse an Musik bemerkbar, und dieses wurde bald einmal bestimmend: «Ich brachte mir einiges auf der Gitarre meiner Schwester selbst bei, nahm auch kurz Unterricht und fing ziemlich schnell an, eigene Songs zu schreiben», erzählt Tilia. Eine Freundin am Cello erweiterte das Projekt zum Duo, und man stiess auf einiges Interesse, was zu ersten Live-Auftritten führte. 

Die frühen Songs hätten eigentlich, so Tilia, schon damals eine ähnliche Stimmung verströmt, wie die heutigen. Obschon man sich den bauchig-ruhigen und sedierenden Klang eines Cellos als ausserordentlich passend zu Tilias Musik vorstellen kann, musste ihre Freundin aus Zeitgründen das Duo verlassen. Tilia machte solo weiter. Ein erstes Album wurde geplant und eine Band gesucht. In jene Zeit fiel die Gründung des Indie-Labels Ambulance Records, von welchem Tilia unterstützt wird. 

Nach den Aufnahmen zum ersten Album «Focus» (2014) mussten wiederum neue Mitmusiker gesucht werden. Die aktuelle, stabile Formation besteht nun aus Schlagzeuger Martin Fischer sowie Bassist Pascal Münger und Effekt-Gitarrist Leo Niessner, die beide zu den Initianten von Ambulance Records zählen. Als wichtig und bestimmend für Tilias Klangwelt erweist sich da vor allem Leo Niessners Effekt-Gitarre, mit welcher er für all die sirrenden, wellenden, scheppernden, sozusagen ausserirdisch hallenden, klingelnden und schwebenden Sounds sorgt, welche Tilias ruhigen Gesang mit seinem Vibrato tragen und begleiten.

Vom neuen Album «Pattern«, das im Verlauf dieses Jahres erscheinen wird, sorgte vor Weihnachten der Vorabsong «Golden» in den USA geradezu für Furore. Ein New Yorker Starproduzent war darauf aufmerksam geworden und mixte den Song zu einem beachtlichen Dance-Hit. Tilia erinnert sich: «Meine Stimme ist auf dem Remix verblieben, ansonsten hat der Track nichts mehr mit dem Original zu tun. Es freut mich aber sehr, dass sich ein mir unbekannter Mensch mit meinem Song auseinandersetzt und dabei etwas ganz Eigenes entsteht.»

 

Glücksgefühle und Leichtigkeit

«Golden», das Original, überzeugt durch eine heitere und eingängige Country/Folk-Melodik, und Tilia stuft das Lied als besonders wichtig für sich ein. Sie singe hier ausnahmsweise über Leichtigkeit, Freude und Glücksgefühle, wie diese einen etwa im golden-bunten Herbst überraschen können.

Inhalte, die sie oft Beobachtungen ihrer Umwelt entnimmt, sind Tilia wichtig. Ein Beispiel ist «Black Monday». Der Song mit seinen dark-wavig und effektvoll hallenden Gitarren handelt von der juvenilen Wochenend-Party- und Konsumgesellschaft, deren künstliche Paradiese eben jeweils wieder von der Realität des «Schwarzen Montags» verschluckt werden. 

Hervorgehoben sei auch das ebenfalls als Vorab-Song erscheinende «Hi!», das mit seinem recht lebhaften Groove in Zusammenarbeit mit der derzeitigen Band entstand. «Es geht hier ein bisschen um meine Generation», erklärt Tilia. «Von ihr werden ständig Top-Leistungen erwartet, sei es beruflich oder sozial. Es handelt sich um die Geschichte einer Frau, die ständig hinter allem herhetzt und die droht, daran zu Grunde zu gehen.» Umfeld-Reportagen, eingebettet in ein eigenständig-eigenwilliges Musik-Universum.

 

 

Die Wurzeln des Dreampop

Mit dem verträumten und sphärischen Sound des kommenden Albums «pattern» reiht sich die Zürcherin Tilia in die Tradition grosser Dreampop-Bands ein. Der Begriff entstand in den 1980er-Jahren. Damals entwickelte sich im Bereich des frühen Alternative- und Neo-Psychedelic-Sounds ein Musikstil, in dem Athmosphäre und Texturen an erster Stelle standen. Die klassischen Songstrukturen mit Intro, Strophe und eingängigen Refrains traten in den Hntergrund. 

Indem Musikkritiker Simon Reynolds den Begriff für die aufstrebende Indiemusik-Szene Englands der späten 1980er-Jahre verwendete, etablierte er ihn als Begriff für ein Genre, dessen ätherische Klanglandschaften bis heute viele Anhänger finden. Es ist eng verknüpft mit dem lärmigeren Shoegaze-Sound, der von hypnotischen Gitarrensounds und oft dissonanten Klängen lebt. 

Zu den Vorreitern der Szene gehöen die Cocteau Twins, deren Musik deutliche Einflüsse des New Wave besitzen. Die engelhaften, oft gehauchten Stimmen wurden stilprägend. Sie finden sich auch im Sound von Slowdive aus dem englischen Reading. Die Band, die 1989 gegründet wurde, ist bis heute unterwegs und begeistert mit ihren gewaltigen Klanglandschaften. 

Ihr Zuhause hatte der verträumte Sound auf Plattenfirmen wie Creation Records oder 4AD, die Kultstatus besitzen. Letzteres Label wurde 1980 denn auch von Ivo Watts-Russell gegründet, dermit der Band This Mortail Coil besonders ruhige und nachdenklichen Dreampop spielte.

Durch den Erfolg der Isländer Sigur Rós, die mit ihrem hypnotischen Sound mittlerweile Stadien füllen, erfreut sich das Genre in den letzten Jahren wachsender Beliebtheit. Durch die Untermalung mit Videos und ausgeklügelten Lichteffekten erzeugen Sigur Rós auch auf optischer Ebene Traumlandschaften – mit dem Ziel, das Publikum in eine ganz andere Welt zu entführen. Elemente des Dreampops leben auch im Sound der gefeierten Sängerin Lana Del Ray auf, mit welcher Tilia immer wieder verglichen wird. Vom Dreampop hat sie den Schwermut in der Stimme adaptiert, und viele Songs von Lana Del Ray besitzen melancholische Züge, wie man sie bei den Vorreitern der Szene findet.

 



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